Das fliegende Klassenzimmer
Text von Michael Furmanek, aus HörZu Heft 28, 09.07.1999.
Fotos: Wolfgang Sauer

8 hungrige SchnäbelAcht gelb umrandete, weit geöffnete Schnäbel recken sich in die Höhe. Wie auf Kommando stimmt der Küken-Chor ein erbärmliches Gepiepe an, und jeder Sänger drängelt und tritt um sich, dass die Federn fliegen - Fütterung bei Familie Kohlmeise.

Wenn Mutter oder Vater Meise mit gespicktem Schnabel im Nest auftaucht, will eben jeder der erste am Futtertrog sein und den dicksten Happen erhaschen. Gelegentlich scheint die Gier sogar grösser zu sein als der Schlund, wenn ein besonders dicker Brocken - eine Wiesenschnake oder Schmetterlingsraupe - noch minutenlang aus dem Halse hängt und die Jung-Meise zu ersticken droht. Doch der Schein trügt, und am Ende rutscht alles runter - und das ist allein in den knapp drei Wochen vom Schlupf bis zum Ausfliegen eine ganze Menge. Biologen haben ausgerechnet, dass ein Meisen-Pärchen pro Tag gut und gern 900 Schnabelhappen abliefern muss, um die Brut satt zu kriegen. Macht übers Jahr immerhin 30 Kilogramm Mücken, Fliegen, Larven, Raupen, Blattläuse und andere Insekten, die ansonsten Kleingärtner ärgern.

Die Kohlmeise:

Verbreitung:
Kohlmeisen bewohnen fast ganz Europa und grosse Teile Asiens. Ihr Lebensraum reicht im Norden Sibiriens bis zum 60. Breitengrad, im Osten bis zu den Kurilen, Japan und Vietnam, im Süden bis Sri Lanka und zu den Sundainseln. Der etwa 14 Zentimeter grosse Vogel lebt dabei bevorzugt in Laub- und Mischwäldern.

Nahrung:
Im Winter besteht das Futter grösstenteils aus Samen von Bäumen und Sträuchern. Im Sommer ernähren sich die Vögel vorwiegend von Insekten, Spinnen und kleinen Schnecken.

Verhalten:
Kohlmeisen-Männchen besetzen Reviere. Ihr Gesang ist nicht nur Weibchen-Werbung, sondern auch Mitteilung an Konkurrenten, dass sie unerwünscht sind. Mit bis zu acht unterschiedlichen Strophen gaukeln die Revierbesitzer möglichen Eindringlingen vor: Viele Männchen vor ort, das Gebiet ist schon vergeben! Die Männchen aus benachbarten Revieren, deren Melodien seit langem gekannt sind, haben keinen Ärger miteinander.

Ein Phänomen, das lange Zeit völlig rätselhaft war, lässt den Nahrungsnachschub allerdings häufiger ins Stocken geraten. Der Meisen-Mann beteiligt sich plötzlich nicht mehr oder kaum noch an der Fütterung der Jungen. Forscher der Universität Bochum haben dieses merkwürdige Verhalten kürzlich zumindest teilweise enträtselt. Als sie Meisen-Eltern und ihren Nachwuchs genetisch untersuchten, stellten sie erstens fest, dass in einigen Nestern bis zu 50 Prozent der Küken gar nicht von dem vermeintlichen Vater abstammen, und zweitens, dass der "Gehörnte" in solchen Fällen seine Familienpflichten sofort vernachlässigt, wenn er den Betrug entdeckt.

Sein Geheimnis bleibt vorerst, wie er das fertigbringt. Die naheliegende Theorie, er könne seine eigenen Jungen an den Bettellauten erkennen, konnte durch Versuche widerlegt werden. Auch der Verdacht, das Aussehen der Kinder würde eine Rolle spielen, bestätigte sich nicht. Bleibt derzeit nur die Vermutung, dass Herr Meise immer dann zum Rabenvater wird, wenn er seine Frau in flagranti ertappt oder ihre häufige Abwesenheit ihn davon überzeugt, dass sie einen unsoliden Lebenswandel führt.

Fürs Fremdgehen der Meisen haben Wissenschaftler ebenfalls noch keine Erklärung. Das Streben nach möglichst grosser genetischer Vielfalt bei den Nachkommen kann es nicht sein, da schon das Erbgut eines einzelnen Männchens genügend Variationsmöglichkeiten für die Artentwicklung besitzt. Und überhaupt - woran erkennt ein Weibchen den Meisenmann mit den besonders starken Genen?

Die naheliegende Antwort: an seiner Musikalität. Tatsache ist, dass der Balzgesang der Kohlmeisen-Männer zu den intensivsten aller Vogelklänge gehört, dass nur wenige Piepmätze ihre Braut liebevoller und ausgiebiger besingen. Oft werden so schon im Herbst oder Winter die Bande für das kommende Jahr geknüpft. Im Frühling folgt dann die Eheschliessung. Wenn das erste Grün spriesst, baut sie das Nest aus Moos in die Höhlung eines Baumes oder einer Mauer, kleidet es mit Federn, Haaren und Pflanzenteilen aus und legt anschliessend acht bis 15 weisse, rotgefleckte Eier.

  Geschlüpfte Meise und Ei

Gerade mal 1,3 Gramm wiegt ein Kohlmeisenwinzling, wenn er aus dem Ei schlüpft. Sein Normalgewicht von 20 Gramm erreicht er bereits nach rund drei Wochen.

Die Brut beginnt erst, wenn das letzte Ei gelegt ist, vorher wird das Gelege zum Schutz vor Auskühlung mit Nestmaterial zugedeckt. 14 Tage lang brütet sie und wird während dieser Zeit von ihrer besseren Hälfte mit Futter versorgt. Allerdings sitzt das Meisen-Weibchen nicht nur faul auf den Eiern und lässt sich verwöhnen, sondern betätigt sich fast rund um die Uhr als Putzfrau und beseitigt Ungeziefer, das sich in fast allen Vogelnestern breitmacht. Akribisch pickt sie Flöhe, Milben und andere Prasiten weg, die den späteren Nachwuchs schwächen und krank machen könnten. Nach dem Schlüpfen, wenn Mutter Meise tagsüber futtersuchend auf Achse ist, erledigt sie ihren Kammerjäger-Job während der Nachtstunden. Richtig zur Ruhe kommt sie selten. Nach rund drei Wochen fliegt die ganze Rasselbande ins Freie. Wie bei einem Schulausflug folgt das "fliegende Klassenzimmer" den Alten und bettelt noch bis zu vier Wochen lang um Futter. Unterricht gibt es nebenbei auch, in dem der Nachwuchs erfährt, hinter welcher Baumrinde oder auf welcher Pflanze sich die besten Leckerbissen verstecken. Das ist lebenswichtig. Denn nach diesen Lektionen drängen die Alttiere ihren Nachwuchs vehement ins eigene Leben, zur Not auch mit ein paar Schnabelhieben.

In guten Sommern kann ein Kohlmeisen-Weibchen in mehreren Brüten bis zu zwei Dutzend Nachkommen aufziehen. Wenn dann noch ein milder Winter folgt und viele Jungvögel überleben, drohen Überbevölkerung und Hunger. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. In England hatten Meisen gelernt, die Alu-Deckel der vor den Haustüren abgestellten Milchflaschen aufzupicken und den Rahm zu schlürfen. Diese Nahrungsquelle ist mittlerweile versiegt, weil englische Hausfrauen ihre Milch seit einigen Jahren fast nur noch im Supermarkt kaufen. Aber den pfiffigen Piepmätzen fällt ganz sicher etwas Neues ein.

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updated: 2007-01-01

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